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Der Letzte sägt die Schranke ab
Über die Irrungen und Wirrungen der Verkehrspolitik in NRW
Der Bahnstrecke Baal – Ratheim droht die Eisenbahnrechtliche Entwidmung, die Stadt Hückelhoven hat als Streckeneigentümer einen entsprechenden Antrag an das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) gestellt. Die IG Ratheimer Bahn ist vor Ort aktiv. Jene Bürgerinitiative versucht nach dem Credo "Trassensicherung ist Zukunftssicherung" eine Gesamt - Entwidmung der Strecke abzuwenden. 
Es gibt nicht oft Entscheidungen in der Lokal- und Landespolitik, die Begeisterungsstürme bei wirklich jeder Partei auslösen. Doch Mitte September 2011 konnte man dieses seltene Phänomen beobachten: Der Landesverkehrsminister von NRW, Harry K. Voigtsberger, verkündete, dass die L117n als Ortsumgehung von Ratheim und Millich auf der Prioritätenliste des Landes ganz weit oben stehe und somit eine Umsetzung innerhalb der nächsten fünf bis sechs Jahre realistisch sei. Daraufhin bemühten sich beinahe alle Lokalpolitiker jeglicher parteipolitischer Couleur darum, zu verkünden, dass vor allem sie es waren, die dazu beigetragen haben, dass die L117n nun ganz oben auf Voigtsbergers Liste steht. Doch der Grund für den Jubel ist sehr schnell ersichtlich: Die Landstraße 117 führt zurzeit noch durch die Ortskerne von Ratheim und Millich und muss tagtäglich zahlreiche Autos – im wahrsten Sinne des Wortes – über sich ergehen lassen. Dass darunter nicht nur die Straße leidet, sondern auch die Anwohner hiervon betroffen sind, liegt auf der Hand. Eine Ausweichstrecke scheint daher - zumindest auf den ersten Blick - unumgänglich. Doch was ist das für ein Gebiet, auf dem die L117n demnächst auf Hückelhovener Stadtgebiet entlang führen soll?

Rückblick auf die Entwicklung der Bahnstrecke

Wenn man sich vor Ort anschaut, wo die L 117n einmal entlang führen soll, dann macht alles den Anschein, als sei das Fundament für eine Straße bereits gelegt: Ein breiter Schotterweg zieht sich durch Ratheim und Millich, parallel zur sporadisch befahrenen Jacobastraße. Wer hier nicht schon länger wohnt, der ahnt nicht, was sich hier noch bis zum September 2007 befand: Eine (im Abschnitt Baal - Ratheim) voll-elektrifizierte Eisenbahnstrecke. Mit allem drum und dran.

1911 gebaut, um die Textilstädte Düren und Mönchengladbach zu verbinden, verkehrten hier von Beginn an neben Güter- auch Personenzüge. Der Streckenverlauf erscheint aus heutiger Sicht paradiesisch: Von Jülich aus ging es über Linnich, Rurich, Baal, Doveren ins Hückelhovener Stadtzentrum, dann weiter nach Ratheim, Wassenberg sowie Dalheim und schließlich über Wegberg nach Mönchengladbach. In Baal konnte man darüber hinaus umsteigen in die Zugverbindung Aachen-Düsseldorf und war somit in Windeseile in Aachen oder in der Landeshauptstadt.

Diese Verbindungen scheinen gegenwärtig geradezu wie eine kaum zu erträumende Zukunftsvision: Schüler könnten zu Fuß zum Ratheimer Bahnhof gehen, einsteigen und während der Schulzeit den Zug in Hückelhoven wieder verlassen, in den Ferien mal flott nach Mönchengladbach, Aachen, Düsseldorf oder sonstwo ins weite Bahnnetz fahren. Pendler könnten ihr Auto entspannt in der Garage stehen lassen, könnten getrost auf den allmorgendlichen Stau auf der „A46 Heinsberg Richtung Düsseldorf, Zwischen Grevenbroich-Kapellen und dem Kreuz Neuss-West“ verzichten und stattdessen entspannt die Tageszeitung im Zug lesen. Überhaupt rückten alle Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten für diejenigen, die kein Auto fahren wollen oder können in eine heute unvorstellbare Nähe.

Autos für Jedermann – Niedergang der Bahn

Eine Zukunftsvision, die die Vergangenheit schon kannte. Doch dann kam eine Zeit, in der man sich eine solche Realität nicht für die Zukunft vorstellen mochte. Das Ziel hieß: Autos für jeden. Und so versammelten sich am 27.September 1980 einige einsame Seelen am Ratheimer Bahnhof, um ein letztes Mal zuzusehen, wie ein Personenzug durch Ratheim tingelte.

Das Ende der Eisenbahnstrecke war das freilich noch nicht. Viele weitere Jahre gingen ins Land und der Güterverkehr der lange florierenden Zeche Sophia-Jacoba schob sich auf der Strecke durch das Hückelhovener Stadtgebiet. Doch mit dem Niedergang der Zeche sowie der Schließung der Brikettfabrik im Jahre 2008 wurde die Bahnstrecke dann auch nicht mehr für den Güterverkehr benötigt.

Visionäre Köpfe hätten zu dieser Zeit vielleicht erkannt, dass die Ideologie „Autos für Jedermann“ bereits auf einem rasanten Rückschritt war. Doch in Zeiten des gewaltigen strukturellen Umbruchs dieser nun ehemaligen Zechenstadt sei es verziehen, dass der Schwerpunkt der Politik nicht darauf lag, das Eisenbahnnetz schnell wieder für den Personenverkehr fit zu machen. Stattdessen wurde verständlicherweise erst einmal Wert auf die sonstige Infrastruktur der Stadt gelegt. Wichtig war es nun, Arbeitsplätze zu schaffen und neues Gewerbe in die Stadt zu locken, was auch gelang.

Zukunftsweisende Entscheidungen?

So vollzog sich der Umbruch geradezu rasant, weshalb die Köpfe nun schnell hätten frei werden können für weitere zukunftsweisende Entscheidungen. Und dabei hätte es nicht einmal viel Mühe gebraucht: Ein Blick vom Dienst-BMW aus neben die Jacobastraße hätte gezeigt, wo der Weg lang gegangen wäre: Das Industriegebiet Baal mit seinen hunderten Mitarbeitern, das Stadtzentrum von Hückelhoven mit den Einkaufsmöglichkeiten, der große Ortskern von Ratheim sowie das neue Industriegebiet in Ratheim hätten mit einem der geringsten Aufwände überhaupt wieder für den Güter- und Personenverkehr freigegeben werden können. Gleise, Bahnhöfe, ja sogar elektrische Oberleitungen – alles war vorhanden.

Güter und Personen hätten leicht zwischen allen relevanten Punkten der Stadt mit dem Zug hin- und her fahren können. Sie hätten kein Auto hierfür gebraucht, sie hätten nicht die L117 verstopft und wir müssten dort heute nicht Autos im fünfstelligen Bereich am Tag zählen.

Stattdessen kam das Jahr 2007. So ziemlich jede Stadt hatte in dieser Zeit erkannt, wo der Personenverkehr der Zukunft in Zeiten von Klimawandel und dem nahenden Ende der fossilen Brennstoffe stattfinden wird: auf der Schiene. Dazu genügen einige wenige Schlaglichter aus der Nachbarschaft: Der Kreis Düren erkannte schon früh das Potential der vorhandenen Strecke, so dass dort heute auf dem Schienenweg von 1911, unmittelbar hinter den Toren des Hückelhovener Stadtgebiets, ab Linnich die Dürener Kreisbahn verkehrt. Oder die Stadt Heinsberg: Sie leitete alles in die Wege, damit sie endlich wieder an das Schienennetz angebunden wird. Dadurch haben die Bürger ab 2013 die Möglichkeit, einmal pro Stunde von Heinsberg, Porselen oder Horst aus ohne Umstieg nach Aachen und nach Mönchengladbach fahren zu können.

Wie gesagt: so ziemlich jede Stadt hatte 2007 erkannt, wo der Personenverkehr der Zukunft stattfinden würde. Nur die Stadt nicht, die die besten elektromobilen (!) Voraussetzungen hierfür hatte: die Stadt Hückelhoven.

Zerstörung der Bahnstrecke? – verspielte Zukunftsoption!

Beweisen konnten man hingegen, wie es möglich ist, das komplette Schienennetz mitsamt Schranken und Bahnhöfen mit der – im wahrsten Sinne des Wortes – Holzhammermethode kurz und klein zu hauen, ohne dass der Ottonormalbürger versteht, was da gerade vor sich geht. Das muss man sich noch einmal vorstellen: Im Jahr 2007, als Angela Merkel versucht, auf Klimagipfeln zu erklären, dass Deutschland Vorreiter beim Klimaschutz werden möchte, ist es möglich, dass eine vollkommen intakte Schienen-Infrastruktur zerstört wird. 

Jüngste Entwicklungen besorgniserregend - Aufruf an engagierte Bürger

Wie die IG Ratheimer Bahn jüngst vom Eisenbahnbundesamt (EBA), Außenstelle Köln, erfahren musste, ist dort am 20. Januar 2012 ein Antrag der Stadt Hückelhoven auf Freistellung der Bahnstrecke Baal – Ratheim von Bahnbetriebszwecken nach § 23 des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) eingegangen. Dieser Antrag bezieht sich auf alle Flächen der Bahnstrecke 2540/2541 von Baal bis Ratheim von Bahn-km 17,257 bis 23,462 und soll laut EBA in nächster Zeit im elektronischen Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Würde die Stadt Hückelhoven es schaffen, diesen Antrag durchzubekommen, würde dies bedeuten, dass die Bahnflächen in Hückelhoven und Umgebung nicht mehr als solche gewidmet wären und eine spätere Reaktivierung der Strecke dadurch gravierend erschwert würde. Für eine spätere Reaktivierung wären u.a. Planfeststellung und Umweltverträglichkeitsprüfung notwendig. Eine Wiederinbetriebnahme der Strecke könnte demnach realistisch gesehen an rechtlichen, finanziellen und infrastrukturellen Hürden scheitern.

L 117n und Schienenstrecke kein grundsätzlicher Widerspruch

Dabei müssen L 117n und Reaktivierung der Schienenstrecke grundsätzlich keine gegenläufigen Projekte sein: Die Bürgerinitiative steht somit den Planungen der Straße neutral gegenüber, unterstützt vielmehr sogar den „Appell zur L 117n“ von Vertretern der Lokalpolitik aus Reihen der CDU, SPD und Grünen hinsichtlich der expliziten Aussage: „Die Planung ist so ausgerichtet, dass eine vollwertige Landstraße entstehen könnte bei gleichzeitiger Beibehaltung einer Trasse, auf der ggf. in späteren Jahren schienengebundener Verkehr möglich ist.“

Für dieses politisch geäußerte Ziel ist ein gewidmeter, zusammenhängender Grundstücksbestand von Baal bis Ratheim von essentieller Bedeutung, allein eine Festsetzung von Flächen im Bebauungsplan der Stadt Hückelhoven würde nicht genügen, da dieser jederzeit per Ratsbeschluss geändert werden könnte. Außerdem wäre nach einer Entwidmung der Strecke eine Reaktivierung nicht ohne langwierige Verfahren möglich: Es wäre dann rechtlich so, als hätte es dort nie eine Bahnstrecke gegeben! Die IG Ratheimer Bahn versteht vor diesem Hintergrund insbesondere nicht, warum die Stadt dann eine Gesamt - Entwidmung von Baal bis Ratheim beantragt. Einer der Kernpunkte des Anliegens der IG ist, dass bisher eine Antwort auf die Frage, warum dieser Entwidmungsantrag überhaupt gestellt wurde, fehlt. So gibt es nach Auffassung der Eisenbahn-Experten der IG derzeit keinerlei plausiblen Fach- oder Sachargumente, die dafür sprechen würden.  Schließlich können Entwidmungen auch flächengenau und quadratmeterscharf erfolgen - und demnach auf das für die Straße L 117n notwendige Maß reduziert werden.

Wichtige Zukunftsoption darf nicht zunichte gemacht werden

Nach Ansicht der IG Ratheimer Bahn darf eine wichtige Zukunftsoption nicht zunichte gemacht werden. Da geht es um die Zukunftsfähigkeit der Stadt. Eine neue Mobilitätskultur mit einer umfassenden Verkehrswende im Sinne eines ökologischen, menschenverträglichen Verkehrs und eine nachhaltige, ganzheitliche und zukunftsweisende Verkehrspolitik könnten Schlüsselthemen für eine höhere städtebauliche Qualität und Lebensqualität in der Stadt Hückelhoven sein. Eine der Kernaufgaben der IG Ratheimer Bahn besteht daher derzeit darin, Stellungnahmen an die zuständigen Stellen herauszugeben.

(Gastkommentar der IG Ratheimer Bahn)

Ansprechpartner

Michael Bienick
Gendorfer Str. 11
41836 Hückelhoven-Ratheim

Tel. +49 (0) 2433 51216
Mobil: +49 (0) 177 1957792

E-Mail schreiben

Veröffentlicht am 05.04.2012 | 3.530 Klicks

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